Prolog
Im Sommer 2007, kurz nach Veröffentlichung des ersten Albums des Hesse Projekts mit dem Titel „Die Welt unser Traum,“ waren wir nach Bolinas zurückgekehrt, einem kleinen Ort an der Küste Nordkaliforniens unweit von San Francisco. Hier nahmen auch alle CDs des Rilke Projekts ihren Anfang, inspiriert von der Wucht der Natur, die hier allgegenwärtig ist, und den Einflüssen der Menschen, die wie wir an diesem Fleckchen Erde Heimat und Wirkungsstätte gefunden haben und uns mitgeprägt haben. Musiker, Poeten, Aktivisten, Yale-Professoren, Umweltschützer, Hippies und Philosophen besiedelten in den 70er Jahren diesen magischen Ort, an dem es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben, und an dem einfach nur das Glück des Lebens zählt. Auch der wunderbare Tiziano Terzani machte hier im Commonweal Retreat Center auf der langen Suche nach einer geeigneten Therapie seines Krebsleidens Station.
Die Resonanz auf das erste Hesse Projekt wirkte sehr motivierend, waren wir doch auf Platz 1 der Hörbuchcharts eingestiegen, konnten uns in den offiziellen Musikcharts platzieren und uns somit an einer erfolgreichen Fortsetzung unserer Arbeit erfreuen. Wir nehmen das nach mittlerweile drei Rilke-Alben und einem Hesse-Album nicht als selbstverständlich.
Mit großer Vorfreude auf die neue Herausforderung richteten wir abermals unser portables Studio in Kalifornien ein und vertieften uns wieder in die Poesie Hermann Hesses. Auch diesmal wählten wir unter den vielen Gedichten und Prosatexten solche aus, die uns nicht nur persönlich berührten, sondern diejenigen, die uns darüber hinaus in ihrer ganzen Schönheit und Klarheit Gedanken und Sichtweisen des Mensch-Seins aufzeigen, die wir als elementar wichtig empfinden und die wir gerne teilen möchten. Hermann Hesses Aufgeschlossenheit für andere Kulturen, sein Aufruf zu Toleranz, Versöhnung und individueller Herzensbildung ist gerade in unserer globalisierten Welt wieder ganz besonders aktuell. Dass diese Ausrichtung auch unsere musikalische Umsetzung der einzelnen Texte beeinflusst hat, versteht sich so von selbst. Kein anderer deutscher Dichter hat in seinem Werk Ost und West so miteinander verwoben, den Reichtum und die Vielfältigkeit des menschlichen Lebens so überzeugend dargestellt wie Hermann Hesse. Das wollten wir hörbar machen.
Im späten August 2007 telefonierten wir mehrmals mit Jürgen Prochnow, der nur einige hundert Meilen südlich von uns in Los Angeles seine Reise nach Europa plante. Wir verabredeten, uns nach unserer Rückkehr in Frankfurt zu treffen, um die ersten Sprachaufnahmen für das zweite Hesse-Album zu tätigen. Dass die Arbeit mit Jürgen Prochnow den Anfang der Produktion bilden sollte, bedeutete uns viel, hatte uns doch seine charismatische Interpretationskunst schon beim Rilke Projekt begeistert. Diese Aufnahmen waren denn auch der glückliche Beginn einer ereignisreichen, von vielen spannenden Geschichten und außergewöhnlichenBegegnungen begleiteten Produktion. Der „Hesse-Spirit“ war allgegenwärtig, trafen wir auch diesmal wieder Künstler aus der ganzen Welt, die unserem Projekt gegenüber aufgeschlossen waren oder sich bereits persönlich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Poesie Hesses beschäftigt hatten.
Dazu zählt das Zusammentreffen mit dem Sitar-Virtuosen Gaurav Mazumdar, den eine persönliche Freundschaft mit Hermann Hesses Sohn, Heiner Hesse, verband und der eigens aus Neu-Delhi anreiste, um das Hesse Projekt mit seinem Spiel zu bereichern. Auch die bewegende Begegnung mit dem Klarinettisten Giora Feidman an einem Sommernachmittag 2008 in Frankfurt zählt zu den Highlights der Produktion. Wir waren begeistert von seiner Einspielung zu "Blume, Baum, Vogel", und seine offene Warmherzigkeit und sein Enthusiasmus berührten und inspirierten uns nachhaltig. Wir hatten einmal mehr das Gefühl, dass die Mitwirkung von Künstlern mit unterschiedlichstem Background auf wunderbare Weise den Umfang und die Ausrichtung des Hesse Projekts und damit unserer musikalischen Arbeit dokumentiert.
In diesen zwei Jahren des Entstehens wurden wieder einmal viele Briefe und E-Mails geschrieben, Hesse-Texte und Noten verschickt, und viel logistischer Aufwand war nötig, um alle Interpreten und Musiker auf diesem Album zu vereinen. Einige mitwirkende Künstler trafen wir nie persönlich. Dank der heutigen Technik konnte die Sängerin Swarnima Gusain in Mumbai/Indien ins Studio gehen und für uns auf den von Anna Maria Mühe gesprochenen Prosatext "Es ist nicht unsere Aufgabe …" ihren Gesang aufnehmen. Ein, wie wir finden, stimmiges Dokument, das die Verbindung von Orient und Okzident auf wundervolle Weise hörbar macht.
Mit eigenem Kamerateam und Fotografen reisten wir auch dieses Mal quer durch Deutschland und zu den Orchesteraufnahmen nach Warschau und hielten außergewöhnliche Momente der Produktion fest. Jede Aufnahmesession und jede Sprachaufnahme hatte ihre eigene Dynamik, jede Begegnung war Mosaikstein und Farbe für das gesamte Album. Die Behutsamkeit, der Respekt und die Offenheit, mit denen sich jeder der einzelnen mitwirkenden Sprecher den Gedichten im Studio näherte, war für uns Inspiration und musikalische Herausforderung zugleich. Hier wurde der Geist Hesses fühl- und erlebbar, das Gemeinsame, das „Mensch-Sein“ in all seinen Facetten jenseits von Herkunft oder Religion wieder lebendig. Waren doch alle bereit, ihren kreativen Beitrag für eine Idee zu geben: Die Verbreitung des wunderbaren Gedankenguts von Hermann Hesse und seiner einzigartigen Poesie!
Nach der Studioarbeit mit den einzelnen Künstlern gingen wir in Klausur, analysierten Sprachrhythmus, Tonlage, Ausdruck der einzelnen Gedichtinterpretationen und feilten an unseren musikalischen Skizzen, die wir schon in Kalifornien entworfen hatten. Mit der Unterstützung unserer wundervollen Band, der wir an dieser Stelle für ihren tollen Input danken möchten, vollendeten wir die einzelnen Kompositionen. Jeder Titel durchlief viele einzelne Phasen, bevor er nun auf dieser CD hörbar ist, und das Vertrauen, das uns von allen mitwirkenden Künstlern entgegengebracht wurde, war Freude und Verantwortung zugleich, erfahren die mitwirkenden Künstler doch erst nach Fertigstellung des Albums das Ergebnis ihrer persönlichen Arbeit. Daher sei an dieser Stelle noch mal allen (!) von Herzen gedankt!
Nun hoffen wir, dass auch Sie unsere Begeisterung teilen können und wünschen Ihnen eine besinnliche poetisch-musikalische Reise in die Gedankenwelt Hermann Hesses.
Richard Schönherz & Angelica Fleer, Frankfurt am Main, Januar 2009